Icon Pfeil zurück
Mordprozess gegen Palliativarzt Zeuge: Palliativarzt spricht am Telefon von Tötungen
Archivbild: Die Prozessbeteiligten stehen beim Mordprozess gegen einen Palliativarzt, der in Berlin 15 Menschen getötet haben soll, im Landgericht Berlin. (Quelle: dpa)
Archivbild: Die Prozessbeteiligten stehen beim Mordprozess gegen einen Palliativarzt, der in Berlin 15 Menschen getötet haben soll, im Landgericht Berlin. (Quelle: dpa)

Seit seiner Festnahme im August 2024 schweigt der Palliativarzt und mutmaßliche Serienmörder Johannes M. zu den vorgeworfenen Taten: Fünfzehn Patienten soll er mit Muskelrelaxanzien totgespritzt haben.

Nun könnten abgehörte Telefonate mit seiner Ehefrau Hinweise auf ein mögliches Motiv liefern. Zwischen dem 15. April und dem 12. Juni des vergangenen Jahres wurden die Gespräche des in Untersuchungshaft sitzenden Palliativarztes mit seiner Frau heimlich und richterlich angeordnet überwacht. Am 44. Verhandlungstag stellt ein Kriminalbeamter die Auswertung dieser Gespräche vor.

"Es war ein moralisches Handeln mit den falschen Mitteln", soll der Angeklagte in einem Telefonat seiner Frau gegenüber gesagt haben. Verteidiger Christoph Stoll gegenüber dem rbb: "Die Telefongespräche werden ein deutlich anderes Bild dessen zeichnen, als was die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage zugrunde gelegt hat."

Täglich mehrstündige Telefonate

Die Telefonüberwachung durch die 2. Mordkommission des Landeskriminalamts war Mitte letzten Jahres für zwei Monate richterlich genehmigt worden. In lockerem, warmherzigem und freundlichem Tonfall sprechen der inhaftierte Palliativarzt Johannes M. und seine Ehefrau, die sich in Freiheit befindet, täglich in mehreren, teils stundenlangen Telefonaten miteinander.

25 Telefongespräche des Angeklagten mit seiner Ehefrau seien ihm besonders in Erinnerung geblieben, so Kriminalbeamte Ferdinand K. (31) von der Mordkommission.

So habe der Angeklagte sinngemäß gesagt, dass die Menschen zu lange im Sterben lägen und gesetzliche Änderungen dringend nötig seien. Gleichzeit habe er erwähnt, dass er Schuldgefühle habe.

»

Es war ein moralisches Handeln mit den falschen Mitteln

«

"Die Familien taten mir leid", soll er laut dem Beamten in einem der Telefongespräche gesagt haben, er würde trotzdem "immer wieder so handeln.". Die beiden Muskelrelaxanzien seien bei den Patienten zu therapeutischen Zwecken intramuskulös und zum Töten intravenös eingesetzt worden. Es habe im Vorfeld immer ein Patientengespräch gegeben, er habe nie ohne diese gehandelt. So schilderte es der Beamte.

"Sieben Monate Gefängnis haben mich skrupellos gemacht"

Weiterer Inhalt der Telefonate soll unter anderem Rechercheaufträge des Angeklagten an seine Ehefrau gewesen sein. Möglicherweise mit dem Ziel, nachträglich Beweismittel zu manipulieren. So habe Johannes M. mit ihr über die Standortdaten seines Handys gesprochen und die Frage aufgeworfen, ob sich diese im Nachhinein ändern ließen, berichtete der Kriminalbeamte.

Zudem habe M. am Telefon geschildert, in einem Fall gegenüber der Feuerwehr vorgetäuscht zu haben, einen Patienten zu reanimieren. Tatsächlich habe er dies jedoch gar nicht getan.

Im Zusammenhang mit einer Bekannten der Familie soll der Angeklagte gesagt haben: "Sieben Monate Gefängnis haben mich skrupellos gemacht." Die Frau hatte bei der Polizei ausgesagt, die Ehefrau habe ihr gegenüber ein Geständnis M.s erwähnt. Demnach soll der Angeklagte auch vor Gewalt gegen die Bekannte nicht zurückschrecken.

Tief traurige Angehörige

Viele Prozessbeobachter haben den übereinstimmenden Eindruck, dass der Palliativarzt M. an den bisherigen 44 Prozesstagen durchgehend aufmerksam den Ausführungen der Zeugen folgte.

Ob einem Gutachter, der die mögliche tödliche Wirkung der Muskelrelaxanzien Mivacurium und Pancuronium erklärte. Oder dem Sohn, der am Bettende seines sterbenden Vaters saß, während der Palliativarzt am Kopfende eine Spritze gegen Übelkeit vortäuschte. Nach Angaben der Anklage soll M. dem Vater ein Narkosemittel verabreicht und ihn anschließend mit einem Muskelrelaxans getötet haben.

Ähnlich aufmerksam zeigte sich M. auch bei der Aussage einer 40-jährigen Enkelin. Mit zitternder Stimme berichtete sie im Gerichtssaal über ihre mutmaßlich ermordete, an Lungenkrebs unheilbar erkrankte Großmutter Gerda M. (84): "Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen."

Prozessende im August?

Derzeit ist der Prozess noch bis Ende August terminiert. In einem zweiten Ermittlungsverfahren wird gegen den Palliativarzt M. wegen weiterer 76 verstorbener Patienten ermittelt.

Bisher wurden in beiden Verfahren 15 Exhumierungen durchgeführt, um Wirkstoffe der mutmaßlich tödlichen Medikamente in den Leichen nachzuweisen.

Die vorerst letzte Exhumierung eines mutmaßlichen Opfers des Palliativarztes Johannes M. ist für den 29. März 2026 in Kroatien geplant.

Ein Beitrag von Ulf Morling.

Sendung: rbb|24, 16.04.2026, 15:50 Uhr

Audio: rbb|24, 16.04.2026, Ulf Morling

 

Berlin

Mehr bei rbb|24